Zwölf Wochen, tausend Lastwagen: Wiesn in Form Annahme
Seit dem 29. Juni um sieben Uhr arbeiten Zimmerer, Elektriker, Monteure und Schausteller auf einer der ungewöhnlichsten Baustellen Münchens. Der Aufbau folgt einem festen Zeitplan. Zuerst entstanden die großen Festzelte entlang der Wirtsbudenstraße. Am 3. August begann der Aufbau auf der Oidn Wiesn, ab 26. August folgten Riesenrad, Achterbahnen und weitere Großfahrgeschäfte. Autoscooter, Karussells und Geisterbahnen kamen ab 2. September hinzu, die übrigen Buden und Attraktionen ab 7. September. Allein für ein großes Festzelt erreichen schätzungsweise 70 bis 100 Lastwagen die Theresienwiese. Aus den Festzeltlagern des Unternehmens Pletschacher rollen nach Angaben der Stadt insgesamt mehr als 1.000 Fuhren nach München.
Eine Woche vor dem Anstich lässt sich bereits erahnen, wie das fertige Festgelände aussehen wird. Im Hacker-Festzelt spannt sich der „Himmel der Bayern“ über den noch leeren Tischreihen. Anderswo montieren Handwerker Böden, Balkone, Beleuchtung und Schankanlagen. Draußen erhalten die Fahrgeschäfte ihre letzten Bauteile: Das Riesenrad trägt seine Kabinen, beim Olympia-Looping schließen sich die markanten Ringe. Dennoch bleibt das Gelände eine Baustelle. Lieferfahrzeuge rangieren zwischen Kränen und Hubarbeitsbühnen, während mehrere Gewerke gleichzeitig arbeiten. Der öffentliche Durchgang ist deshalb stark eingeschränkt. Einen kontrollierten Blick hinter die Kulissen ermöglichten Baustellenführungen zwischen Ende Juli und Anfang September. Bevor die ersten Besucher das Gelände betreten, folgen technische Abnahmen, Brandschutzkontrollen und letzte Sicherheitsprüfungen. Erst danach verwandelt sich die Großbaustelle endgültig in das größte Volksfest der Welt.
Im Südteil der Theresienwiese entsteht parallel die Oide Wiesn. Ihre Geschichte begann mit der Historischen Wiesn zum 200-jährigen Oktoberfestjubiläum im Jahr 2010. Der Erfolg führte dazu, dass das traditionsreiche Areal seit 2011 zum Oktoberfest gehört. Im Festzelt Tradition wechseln Trachtengruppen, Musikkapellen, Tänzer und Goaßlschnalzer einander ab. Zwei Tanzböden bieten Platz für das tägliche Brauchtumsprogramm. Das Museumszelt widmet sich historischen Fahrgeschäften, Schaustellerfahrzeugen und der Geschichte des Jahrmarkts. Auch das Münchner Marionettentheater gehört zum Familienprogramm. Den musikalischen Auftakt übernimmt am 19. September von 13 bis 15 Uhr die Original Tiroler Kaiserjägermusik unter der Leitung von Norbert Amon. Die Oide Wiesn setzt damit bewusst einen Gegenpol zu den Großzelten und modernen Fahrgeschäften: kleiner, überschaubarer und näher an der Geschichte des Münchner Volksfests.
Am 19. September endet die zwölfwöchige Aufbauphase. Bis zum 4. Oktober bilden Festzelte, Buden, Fahrgeschäfte und Versorgungsanlagen eine Stadt auf Zeit. Hinter ihren Fassaden verlaufen kilometerlange Stromkabel sowie Gas- und Wasserleitungen. Was während des Festbetriebs selbstverständlich wirkt, entsteht aus einem eng abgestimmten Zusammenspiel zahlreicher Unternehmen und Gewerke. Der Zugang zum eigentlichen Oktoberfest bleibt kostenlos. Eine Ausnahme bildet die eingezäunte Oide Wiesn: Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren zahlen vier Euro, Kinder bis 14 Jahre erhalten freien Eintritt. Ab 21 Uhr entfällt der Eintritt für alle Besucher. Die historischen Fahrgeschäfte kosten jeweils 1,50 Euro. Wer die Theresienwiese wenige Tage vor der Eröffnung sieht, erlebt keinen fertigen Festplatz, sondern den Endspurt einer Großbaustelle. Erst mit den abschließenden Kontrollen, den letzten Lieferungen und dem Einräumen der Zelte verschwindet die Baustelle hinter der Kulisse des Oktoberfests.